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Vorsicht, Esoterik!? 

 Oktober 25, 2009

Von  Dr. Stefan Fraedrich

Man steht ja manchmal auch als professioneller Motivationsfuzzie im Verdacht, unlautere Methoden anzuwenden: Suggestionen, Manipulationen, unberechtigten Optimismus. Motto: „Wie kann der Kerl es wagen, mir sagen zu wollen, dass das Leben schön und die Welt gut ist?!“ Dabei ist mir (und etlichen tollen Kollegen) Seriosität sehr wichtig. Wer die Mittel positiver Psychologie anwendet, macht nichts anderes als das, was jeder Mensch ohnehin jeden Tag tut: Er schafft sich seine eigene Wirklichkeit.

Nun könnte man sagen, eigene Wirklichkeiten zu schaffen, sei demnach eine Art Grundrecht. Jeder dürfe somit alles Mögliche behaupten – und jeder andere könne sich sein eigenes Bild davon machen. So weit, so gut. Problematisch aber wird es, wenn wissentlich Behauptungen getätigt werden, die sich nicht nachweisen lassen oder die sogar vulgo „falsch“ sind. Denn hier fließt nun meist noch ein individueller Verfälschungsfaktor in die subjektive Beurteilung mit ein: eben die eigene Wahrnehmung! Und die führt einen manchmal an der Nase herum.

Beispiel: Sie sitzen in der Kneipe und gucken im TV ein Fußballspiel. Und weil Sie viel Bier getrunken haben, gehen Sie mal schnell zum Pinkeln. Nun stellen Sie sich vor, Ihre Mannschaft schießt währenddessen ein Tor. Was könnte nun gemäß den Gesetzen der konstruierten Wirklichkeit geschehen? Sie könnten glauben, das Tor und Ihr Pinkeln stünden in einem kausalen Zusammenhang! Wehe, wenn Sie nun auf der Toilette bleiben und Ihre Mannschaft wieder ein Tor schießt: Dann könnte es sein, dass Sie fortan sämtliche Spiele vom stillen Örtchen aus beobachten – immerhin unterstützen Sie damit Ihr Team …

Unlogisch? Klar! Weil einigermaßen vernünftig vermutet werden kann, dass eben kein kausaler Zusammenhang zwischen Pipimachen und Toreschießen besteht. Trotzdem wäre denkbar, dass ein entsprechend Verpeilter daran glauben könnte. Und er würde bald alles Mögliche an Begründungen ins Feld führen, warum er mit seiner Sichtweise Recht hätte – selbst wenn die Tore nach wie vor nicht am Fließband (oder sogar für die Gegenmannschaften!) fallen: Vielleicht ist er falsch gestanden? Hatte das falsche T-Shirt an? Etwas Falsches gegessen? Dennoch: Unterm Strich „fühlt“ er, das Richtige zu tun. Immerhin wird er durch ständig neu fallende Tore in seiner Wahrnehmung bestärkt.

Es entsteht also eine Art Wahnsystem: Seine Überzeugung wird zur subjektiv empfundenen Gewissheit, die sich selbst füttert, obwohl sie keinen objektiven Kriterien standhält. Den Gegenbeweis anzutreten und wieder ein paar Spiele außerhalb der Toilette zu verbringen, um die Kausalität kritisch zu überprüfen, kommt nicht in Frage. Dumm gelaufen …

Was will ich mit diesem Beispiel sagen? Ich möchte erklären, wie Esoterik funktioniert. Denn ähnlich wie unser pinkelnder Fußballfan steckt auch unsere alltägliche Umwelt voller wirrer Pseudokausalitäten, die – mit ein bisschen Ideologie aufgepeppelt – unter erstaunlich gewohnten Handelsnamen die Runde machen: Homöopathie, Akupunktur, Bachblüten, Bioresonanz, Traditionelle Chinesische Medizin, Heilsteine, Holopathie, Meridianklopftherapie und so weiter und so fort. Alle haben dabei eines gemeinsam: Keiner weiß wirklich, wie es gehen soll. Weil eben keine Kausalitäten bestehen. Trotzdem machen es viele.

Ein bisschen ist es wohl wie bei der schlichten Erkältung: Wann gehen wir damit zum Arzt? Wenn es uns richtig dreckig geht. Und wann geht es uns dreckig? Wenn die Krankheit maximal ausgeprägt ist. Was aber passiert nach der maximalen Ausprägung? Die Erkrankung wird wieder besser. Und zwar völlig unabhängig vom Arztbesuch. Das bedeutet, dass der Arzt uns nun so ziemlich jedes Mittelchen geben kann – alles „bewirkt“, dass es uns bald besser geht. Wir glauben, dass die Besserung etwas mit dem Mittelchen vom Arzt zu tun hat! Kein Wunder also, dass Homöopathie und Co. so erfolgreich sind … (Übrigens: Wussten Sie eigentlich, dass die angeblichen Wirkstoffe in homöopathischen Medikamenten so stark verdünnt sind, dass sich der Stoff faktisch nicht mehr darin nachweisen lässt? Das ist in etwa so, als würden Sie einen Tropfen Pipi mit zehn Olympiaschwimmbecken Wasser verdünnen. Und weil gemäß der Homöopathie-Ideologie im Wasser dennoch eine Art Gedächtnis enthalten sein soll, „bewirkt“ der Tropfen Pipi angeblich trotzdem irgendetwas. Junge, Junge! Wenn schon abwesende Moleküle so einen Effekt haben, möchte ich gar nicht daran denken, was anwesende alles anstellen …)

Das einzige, was sich bei esoterischen Methoden nachweisen lässt, ist der Placebo-Effekt. Den aber gibt es: Wer glaubt, bewirkt etwas – und zwar die Ausschüttung endogener Opioide im Kopf. Die machen, dass es uns besser geht: Wir fühlen uns gut, haben weniger Schmerzen oder Zweifel. Wir sind sozusagen gedopt. Und dadurch haben wir manchmal den Eindruck, ein Mittelchen helfe, obwohl es dafür gar keine Kausalität gibt! Das aber bedeutet etwas völlig Schräges: Wir können etwas nachweislich Wirres und objektiv Falsches tun und dadurch dennoch einen positiven und vielleicht sogar richtigen Effekt bewirken!

Betrachten wir es mal positiv: Unterm Strich bedeutet das, dass wir eben eben doch die Welt im eigenen Kopf kreieren – obwohl unser Kopf nicht unbedingt eine Auswirkung auf die Umwelt haben muss. Wer Fußballspiele auf der Toilette verfolgt, beeinflusst das Torschießen nicht. Aber: Er hat den Eindruck, als beeinflusse er es. Und insofern kann es ihm auf der Toilette durchaus gut gehen. So kann zum Beispiel auch Akupunktur wissenschaftlich betrachtet Unsinn sein – wenn Patienten daran glauben, steigen dennoch die Chancen auf positive Effekte. So hätte ich auch gar nichts dagegen, wenn die 20 Millionen Raucher in Deutschland alle eine Anti-Nikotin-Akupunktur machten. Denn: Wenn nur zehn Prozent daran glauben, könnten auf einen Schlag 200.000 frisch gebackene Nichtraucher entstehen! Wir täten etwas Richtiges, obwohl wir es wissenschaftlich betrachtet falsch machten.

Womit wir wieder bei der Kausalität wären. Denn: Nicht die Akupunktur macht das Nichtrauchen. Sondern der Glaube daran, nun dank der Akupunktur nicht mehr rauchen zu müssen – und insofern nicht mehr zur nächsten Zigarette zu greifen, wodurch sich die nächste Nikotinzufuhr erübrigt, die nächste Synapsenirritation, die nächsten leichten Entzugssymptome und bald auch – dank neu gelernter Erfahrungen – die nächsten Stresszigaretten, Pausenzigaretten, Verdauungszigaretten und so weiter. Die Kettenreaktion des Rauchens wird endlich unterbrochen. Dank der Akupunktur? Nein: Dank des Entschlusses zum Nichtrauchen! Die Akupunktur war nur eine Krücke …

Achtung jetzt: Das bedeutet aber, dass unser Glaube an die Wirksamkeit irgendeines Handelns der eigentliche Grund für die Wirksamkeit ist! Wir glauben, also entsteht Opium im Kopf. Das macht uns stärker. Und wenn es etwas aktiv zu tun gibt, handeln wir nun – und bewirken somit, was wir ohne Glaube nicht bewirkt hätten, weil wir untätig geblieben wären! Glaube – Stärke – Handlung – Effekt! In dieser Reihenfolge läuft es also ab! Das aber bedeutet auch, dass im Endeffekt umso wichtiger wird, was wir mit unserem guten Gefühl tun – und nicht „nur“ woran wir zunächst glauben (was es also ausgelöst hat)! Denn wenn wir das Falsche glauben und das Richtige tun, begründen wir zwar die Effekte mit den falschen Ursachen, bewirken aber dennoch das Richtige. Problematisch wird es zudem andersherum: Wenn wir zwar das Richtige glauben, aber das Falsche tun, bewirken wir gar nichts. Halten wir Akupunktur für Humbug und rauchen deshalb weiter, haben wir streng genommen zwar Recht, gucken aber am Ende trotzdem doof aus der Wäsche – und dem Raucherzimmer.

Es kann aber auch ganz dumm laufen: Wir können an Esoterik glauben und dadurch das Richtige unterlassen! Zum Beispiel indem wir uns mit geheimnisvollen Amuletten, Gebeten oder Heilsteindrinks gegen Krebs „schützen“ – und weiterrauchen. Hier soll dann ein irrationaler Glaube ausbügeln, was nicht auszubügeln ist. Mit der gleichen Logik könnten wir mit geschlossenen Augen über die Autobahn brettern und uns dafür die Straße ganz dolle vorstellen. Oder eben beim Spiel unserer Mannschaft auf die Toilette gehen. Logisch: Hier hilft der Placeboeffekt nun nicht mehr. Klar auch, warum: Es besteht eben keine Kausalität. So gerne wir eine hätten …

Was aber bedeutet das alles?

Erstens: Wir kreieren uns unsere Welt tatsächlich selbst. Und das ist erst mal gut so! Denn unsere eigenen Suggestionen, Manipulationen und unser Optimismus vermögen Großartiges zu leisten! Wir dopen uns sozusagen selbst und versorgen uns mit der Energie, die wir für unser Leben brauchen.

Zweitens: Wir sollten dabei aber dennoch von unserer Intelligenz Gebrauch machen und immer wieder kritisch Kausalitäten checken. Denn wir können so von uns aus häufig das Richtige tun, ohne uns dafür erst sperrigen Ideologien unterwerfen zu müssen. Wir können sozial handeln, ohne es erst mit der Bibel herleiten zu müssen. Wir können gesund werden, ohne Geld für nutzloses Zeug zu bezahlen. Und wir können uns zum Fußballgucken wieder gemütlich vor den Fernseher setzen, ohne Gedankengedöns auf dem Klo.

Drittens: Wenn wir ohne Ideologie dennoch das Richtige tun können, sollten wir nicht zögern, es zu tun. Wir brauchen keine Ideologie zum Handeln. Wir (siehe wieder „Erstens“!) kreieren unsere Welt selbst. Und wenn wir vernünftige Kausalitäten erkennen, sollten wir sie ideologiefrei und pragmatisch annehmen. Es sind letztlich unsere Handlungen, die zählen – nicht unser Glaube. Und genau daran können wir glauben – ganz ohne dass uns irgendeine Esotero-Ideologie Knoten ins Hirn macht. Und dadurch, dass wir an unsere eigene Wirksamkeit glauben, versorgen wir uns selbst mit Opium-Doping – und können einfach tun, was zu tun ist.

Viertens: Wenn wir nicht sicher sind, ob wir einer falschen Ideologie nachrennen, sollten wir uns über sie informieren. Heißer Tipp: Unter www.esowatch.com finden Sie eine wahre Fundgrube spannender Informationen über allerlei Esoterik-Kram. Seien Sie aber bitte nicht allzu enttäuscht, wenn sich dabei liebgewonnene Überzeugungen in Luft auflösen. Noch einmal: Es sind letztlich unsere Handlungen, die zählen – nicht unser Glaube. Doch wenn wir an uns selbst glauben, erübrigen sich irrationale Ideologien – wir lernen, ohne sie zu handeln.

In diesem Sinne: Ich wünsche gute Erkenntnisse und viel Erfolg in Ihrer eigenen Wirklichkeit!

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  • Also ich war auch sehr pesimistisch gegenüber Esoterik und Homöopathie eingestellt. Da ich an starker Migräne leide wurde mir dann ein homöopathisches Mittel verschrieben, wo ich von dem resultat echt überzeugt bin. Seit dem ich diese Globulis einnehme habe ich kaum noch Kopfschmerzen und erst recht keine Migräne mehr. Wen das Thema weiter interessiert sollte mal auf http://www.aponeo.de schauen. Die haben ein eigenes Homöopathie Labor

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