„Hilfe, ich bin ein Opfer!“

Liebe Schweinehundefreunde,

hin und wieder bekomme ich seltsame Briefe. Einen besonders seltsamen möchte ich Ihnen hier vorstellen. Ich bekam ihn vor etwa zwei Wochen und muss Sie gleich warnen: Vorsicht, starker Tobak!

„Ich bin ein Opfer! Du musst mir helfen!“

„Sehr geehrter Herr Dr. Frädrich,

ich wurde als Baby adoptiert und zwischen meinem 4. und 12. Lebensjahr von meinem Onkel und seinen Kumpanen fast täglich sexuell missbraucht, vergewaltigt und gedemütigt, alles mit dem vermutlichen Wissen meiner Adoptiv-Eltern. 2004 bin ich an Krebs erkrankt, den ich inzwischen besiegt habe. Anschließend habe ich trotz der Torturen in meiner Kindheit fast 6 Jahre meine demenzkranken Adoptiveltern gepflegt. Ende 2009 bin ich vergewaltigt worden, woraus eine Schwangerschaft resultierte. Das Baby habe ich Anfang 2010 nach einem Überfall verloren. Ich leide auch unter einer Herzklappeninsuffizienz bei Prolaps, Hashimoto-Thyreoditis, LWS-Wirbelgleiten, verknorpeltes Knie sowie Neurodermitis beider Ohren.

Ich hatte vor ein paar Tagen Geburtstag und fühle mich inzwischen stark genug, neu anzufangen. Doch dazu benötige ich Geld. Mir hat bisher noch nie jemand geholfen, denn ich habe – bedingt durch meine Vorgeschichte – keinerlei Freunde und Bekannte und auch keine Familienangehörigen. Daher erlaube ich mir die höfliche Anfrage, ob Sie mir vielleicht als Starthilfe ein einmaliges Geschenk in Höhe von ca. 500,00 € oder jeden anderen Betrag zukommen lassen würden, damit ich endlich – nach all den Jahren – auch einmal Glück im Leben habe. Wenn Sie dies nicht können oder wollen, dann möchte ich mich trotzdem herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich die Zeit genommen haben, meinen Brief zu lesen.

Mit freundlichen Grüßen

Frau XYZ“

Na, wie geht es Ihnen, wenn Sie das lesen? Ich reagiere innerlich auf dreierlei Arten:

1.) Mitgefühl: „Oh weh, die Arme!“

Zunächst mal denke ich spontan: Schrecklich! Die Ärmste! Der muss ich helfen!

Meine Motivation: Mitgefühl. Solidarität. Angepiekster Gerechtigkeitsssinn. Idealismus. Es darf nicht sein, dass es Menschen so schlecht geht, hier mitten unter uns (oder sonstwo).

Und: Wenn ich die Welt für 500 Euro ein bißchen besser machen kann – warum nicht? Schließlich meint es das Leben gut mit mir. Davon muss ich doch etwas zurückgeben!

2.) Misstrauen: „Will die mich verarschen?“

Meine zweite Reaktion fällt anders aus: Nach zwei, drei Sekunden werde ich mißtrauisch. Stimmt das überhaupt, was die gute Frau da schreibt? Oder kann es nicht vielmehr sein, dass hier jemand auf ziemlich dreiste Weise eine Art Bettelrundbrief verfasst hat? Den schickt er/sie an alle möglichen Menschen, die er/sie zuletzt in der Öffentlichkeit wahrgenommen hat und für potenzielle Helfertypen hält. An Typen wie mich womöglich …

Falls das so ist, bin ich mir sicher: Das „Geschäftsmodell“ funktioniert. Sicher gibt es etliche Menschen, die gerne geben. Mitunter auch sehr naive. Oder sogar solche, die es für ihr Ego brauchen, gebraucht zu werden …

Ja, bestimmt stinkt hier etwas: Immerhin ist der Brief wie ein Verkaufsbrief aufgebaut.

  • Zunächst ein Szenario, dem sich kein mitfühlender Mensch entziehen kann: Kindesmißbrauch, Krankheit, Ungerechtigkeit, Schicksalsschläge. Hier wird an Emotionen appelliert, die einen großen Teil unseres Menschseins ausmachen. Es ist kaum zu ertragen, die arme Frau so leiden „zu sehen“. Wir bekommen das Bedürfnis, zu helfen.
  • Dann wirft uns die Schreiberin (ich vermute jetzt mal, es ist tatsächlich eine Frau) das Seil zu, an dem wir sie aus ihrem Sumpf ziehen können (Endlich! Wir können aktiv etwas tun!): Wir sollen ihr doch Geld geben, damit sie „endlich – nach all den Jahren – auch einmal Glück im Leben“ hat.
  • Womit wir auch schon bei der emotionalen Erpressung wären, die sie sehr geschickt inszeniert. Im Kern funktioniert emotionale Erpressung so: „Wenn du XY nicht tust, geht es mir schlecht – und das kannst du doch nicht wollen, oder?“ Dabei unterschlägt der emotionale Erpresser, dass er auch selbst etwas aktiv an seiner Situation verändern kann. Stattdessen halst er die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden einfach einem anderen auf. Der sieht sich nun genötigt, dem Wunsch des Erpressers nachzukommen, um sein eigenes Wohlbefinden stabil zu halten. Schließlich wissen wir alle, wie wichtig es ist, Schwächeren zu helfen. Und schon tun wir, was wir meinen, tun zu „müssen“ … Eine klassische Manipulation. So wie an etlichen Stellen im Brief: „Mir hat bisher noch nie jemand geholfen“ („Also sei du der erste!“); „Ich hatte (…) Geburtstag und fühle mich (…) stark genug, neu anzufangen. Doch dazu benötige ich Geld.“ („Geld, das du hast, während ich armer Mensch keines habe! Gib mir etwas davon ab! Es ist doch mein Geburtstag!“); „(…) höfliche Anfrage, ob Sie mir als Starthilfe ein einmaliges Geschenk in Höhe von (…) zukommen lassen würden“ („Schau mal, wie höflich ich frage! Da kannst du mir meinen Wunsch doch nicht abschlagen, das wäre unhöflich von DIR!“).

Überhaupt: Wieso will die Frau eigentlich Kohle von mir? Wieso kein Coaching, keine Bücher, kein Videoprogramm, kein Seminar wie andere? Schließlich ist es das, was ich anbiete. Hey, ich bin doch keine Bank! Apropos: Banken veschenken keine Geld, sie verleihen welches. Ja, genau: Warum will sie das Geld eigentlich von mir GESCHENKT haben und nicht GELIEHEN wie die meisten andere Menschen, die finanzielle Hilfe suchen? Hallo, geht’s noch?!

Was außerdem auffällt: Der Brief ist in tadellosem Deutsch geschrieben, Rechtschreibung und Zeichensetzung stimmen. Das bedeutet: Der Schreiber ist in gewissem Maße intelligent, „gebildet“ und kann strukturiert denken, was auf gute Selbstorganisation schließen lässt.

Dann fange ich wirklich an, zu rechnen: Was passiert, wenn man ein paar hundert ausgesuchten Menschen so einen Brief schreibt? Sicher sind einige bereit, das Geld zu überweisen. Gesetz der Quote. Ab welchem ROI lohnt sich der Aufwand des ganzen Briefeschreibens? Hat hier jemand tatsächlich eine lukrative „Geschäftsidee“ entdeckt? Zumal im Brief ja nichts darüber drinsteht, warum er ausgerechnet an mich adressiert ist. Stattdessen ist nur von der Briefschreiberin die Rede …

Spätestens jetzt bin ich mir sicher: Ich halte das Pamphlet eines Betrügers in den Händen. Soll ich damit zur Polizei?

3.) Empörung: „Das ist Opfergehabe!“

Dann halte ich inne. Habe ich nicht schon alles mögliche erlebt, das man kaum glauben kann? Bizarre Krankheiten, traurigste Schicksalsschläge, unglaubliche Lebensgeschichten. Im Prinzip weiß ich: Alles ist möglich im Leben.

Auch dass hinter Mails und Coachinganfragen ganz andere Motive stecken, bin ich gewöhnt: Motzsucht, Faulheit, Selbstmitleid, Kritikwünsche, Suche nach Aufmerksamkeit und so weiter. Oft bekomme ich Mails oder Anfragen lediglich als Krücke zur Kontaktaufnahme und Einleitung zum „Schrott abladen“, was ich (oder mein Büroleiter André „Aki“ Rüpprich) dann schnell unterbinde. Mit destruktiven Emotionsvampiren will ich nichts zu tun haben, basta.

Sehr wichtig aber: *Echte* Coachinganfragen, die ich auch häufig bekomme und absolut ernst nehme, sind mir natürlich willkommen! Zudem habe ich an mich den Anspruch, jedes Coaching, ja eigentlich jeden Kontakt mit einem anderen Menschen, innerlich offen anzugehen: Wer bin ich schon, um darüber zu urteilen, was in anderen vorgeht? Ich habe meinen Fokus für das „Normale“ ziemlich weit gestellt.

Das führt mich nun bezüglich des Briefes zu folgenden Annahmen zurück: Nämlich denen, dass

  • der Brief inhaltlich richtig ist. Jedes Wort, das mir die Dame schreibt, kann stimmen. Sie hat womöglich alles genau so erlebt.
  • Wenn das stimmt, ist der Brief auch genau so gemeint, wie er geschrieben ist: Da geht es jemandem schlecht, der sich durch ein Geldgeschenk ein wenig Glück erhofft.

Allerdings zwingen mich diese Annahmen dazu, ebenfalls mit der größtmöglichen Ehrlichkeit und Offenheit zu reagieren. Das ist nämlich auch ein wichtiger Anspruch an mich selbst.

Und hier ist meine Reaktion nun eindeutig: Ich bin geradezu empört über die demonstrativ zur Schau gestellte Opferhaltung!

„Hilfe, ich bin ein Opfer!“ Wie blöd …

In nahezu jeder Zeile des Briefes kommt zum Ausdruck: „Egal, was mir passiert: Ich bin hilflos ausgeliefert!“ Die Briefeschreiberin empfindet sich als Ball in einem willkürlichen Spiel ihres traurigen Schicksals. Wir erfahren nur (sie nimmt nur wahr), was ihr passiert (ist), nie was sie dazu beigetragen hat oder was sie positiv beeinflussen konnte/kann:

Dabei ist klar: Es gibt IN JEDEM LEBEN Bereiche, Ereignisse, die wir beeinflussen können – und solche, die wir nicht beeinflussen können. Der „Trick“ eines gesunden Lebens, einer gesunden Psyche besteht ja gerade darin,

  • sich auf das zu konzentrieren, was wir beeinflussen können,
  • und dieses dann auch zu tun, also aktiv unser Schicksal mitzugestalten, damit wir eben nicht in die Falle geraten, nur passiv reagieren zu können.
  • Was wir nicht beeinflussen können, können wir immerhin bewusst und aktiv akzeptieren. Wir können so selbst das annehmen, was unerhört oder unerträglich scheint – und dadurch Größe erlangen.

Diese innere Haltung nennt man „Selbstwirksamkeitsüberzeugung„. Klingt etwas sperrig, drückt aber genau aus, worum es geht: Wir brauchen die Überzeugung, in unserem Leben selbst wirksam sein zu können, also dank unserer Handlungen etwas bewirken zu können, unser Leben also in einem gewissen Maße selbst zu kontrollieren. Diese Haltung zu erlernen, ist ein wichtiger Bestandteil vieler Coachings und Therapien. Sofern wir sie nicht bereits „ganz normal“ in unserer Entwicklung verinnerlicht haben.

Übrigens kann die Abwesenheit von Selbswirksamkeitsüberzeugung, die erlernte Hilflosigkeit, wirklich ein Hinweis auf erlebte Traumata sein – oft bereits in früher Kindheit. In diesem Fall helfen aber keine 500 Euro, sondern ein schrittweises Umlernen, zum Beispiel im Rahmen einer Therapie oder eines Coaching. Oder im täglichen Leben, indem man Schrittchen für Schrittchen lernt, seine Grenzen zu erweitern. Vorausgesetzt natürlich, man stellt sich der Herausforderung. Das tut man aber nicht tut, solange man die „Schuld“ noch draußen in der „bösen Welt“ sucht, anstatt sich seiner eigenen Einflussmöglichkeiten klar zu werden. Wenn man in Briefen um Geld bittet statt um Know-how. Wenn man beschenkt werden will, statt sich selbst zu beschenken.

Und: Was der Selbstwirksamkeit natürlich komplett widerspricht, ist die mentale Fokussierung auf die Opferrolle. Die Opferrolle ist die traurigste und destruktivste Art, auf schwierige Situationen zu reagieren, denn:

  • Wir können zwar nicht immer beeinflussen, was im Leben passiert, wohl aber, wie wir darauf reagieren!
  • In der Opferrolle fragt man aber nicht mehr: „Was kann ich tun?“
  • Sondern man stellt nur fest: „Ich kann sowieso nichts tun.“
  • Und damit zieht man zumindest aus der Vertrautheit mit der Hilflosigkeit etwas Positives: „Immerhin kenne ich mich gut darin aus.“

Die Opferrolle wird somit zur perfiden Komfortzone von – ja, genau – Opfern! Sie hat etwas so unverschämt Kuscheliges und ist in sich so selbstbezogen „richtig“ und bequem, ja beinahe selbstgerecht, dass es mich einfach nur sauer macht. (Schon vor einiger Zeit hatte ich zu einem ähnlichen Setting ein empörtes Video gepostet.)

Denn: Andere Menschen reagieren in gleichen Situationen – ja, genau – anders! Sie nehmen sie bereits anders wahr:

  • Hey, da hat sich eine zähe Frau trotz widrigster Umstände durch ihr Leben gebissen, das verdient höchsten Respekt!
  • Sie hatte Krebs und sich davon nicht unterkriegen lassen.
  • Auch mit ihren anderen Krankheiten scheint sie klarzukommen, sonst stünden diese viel mehr im Vordergrund ihrer Schilderungen.
  • Trotzdem fühlt sie sich nun stark genug, neu anzufangen.
  • Sie ist gebildet, kann sich gut ausdrücken und strukturiert denken.
  • Sie kann in anderen Menschen gezielt Gefühle auslösen.
  • Sie ist mutig genug, fremden Menschen Briefe zu schreiben.
  • Ganz offensichtlich besitzt die Gutste eine gehörige Portion Egeninitiative und die Fähigkeit, mit anderen in Kontakt zu treten.

Und so weiter. Wäre mir die Dame persönich bekannt, fiele mir bestimmt noch anderes auf, auf dem man aufbauen kann. Kompetenzen hat sie sicher einige.

Sie hingegen nimmt ihre Situation unerträglich egoistisch und einseitig wahr:

    • Schon der erste Satz beginnt mich einem „ich“ – und so geht es weiter: „ich wurde adoptiert, (…) mißbraucht, gedemütigt (…); „ich habe gepflegt“; „Ich leide unter“; „Ich benötige Geld“. Ich lese nur „ich, ich, ich“. In zwei Absätzen ganze 13 mal „ich“.

 

  • „Mir hat bisher noch nie jemand geholfen“ Wirklich? Noch gar nie? „ich habe – bedingt durch meine Vorgeschichte  – keinerlei Freunde und Bekannte“ Stimmt das so? Wirkllich nur bedingt durch die Vorgeschichte? Oder vielleicht auch durch eine seltsame Art zu kommunizieren und finanzielle Bitten zu äußern? Und, liebe Frau XYZ, haben Sie wirklich keinerlei“ Freunde und Bekannte?

Nein, nein, liebe Frau XYZ, obwohl ich mir so allerhand traurige Konstellationen vorstellen und sie mitfühlen kann: Die Opferrolle widerspricht allem, was ich glaube und woran ich glaube. Sie ist gewissernaßen die Antithese zu jedem Gedanken, den ich denke, zu jedem Gefühl, das ich fühle, zu jeder Idee, die ich teile.

Wenn ich ganz ehrlich bin, liebe Frau XYZ, erinnert mich Ihr Brief sogar ein wenig an Isabelle, den Charakter in meiner Krimikurzgeschichte „Isabelles Erlösung“. Und glauben Sie mir: Sie möchten nicht wirklich, dass mich Ihr Brief an Isabelle erinnert …

Hm, welches Fazit können wir ziehen? So groß sind die Erkenntnisse nicht. Aber wichtig sind sie, verdammt wichtig:

  • Hoffentlich ist der Brief tatsächlich nur ein Betrugsversuch. Alles andere erscheint zu traurig.
  • Statt sich „passiv“ Geld oder Mitleid zu erhoffen, ist es klüger, sich die innere Haltung und das Wissen zuzulegen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
  • Denn: Es wird immer Dinge geben, die wir nicht beeinflussen können. Aber es wird auch immer Dinge geben, die wir beeinflussen können, was wir dann auch tun sollten.
  • Und: Oft können wir wirklich nicht beeinflussen, was uns passiert. Aber wir können beeinflussen, wie wir darauf reagieren.

Und genau das ist es, was ich jetzt tun werde: Ich werfe diesen Brief nun in den Papierkorb.

Herzliche Schweinehundegrüße

Ihr

Stefan Frädrich

4 Kommentare
  1. jutta says:

    Ich hatte auch gleich den Verdacht…. es ist zu kompakt. Und normnalerweise haben diese Opfer nicht die Traute so öffentlich darüber zu reden oder wie hier zu schreiben. Das macht keiner, der derart betroffen ist. Diese Themen belasten und sind ein tabu.
    lg ju

    Antworten
  2. Simone D. Wiedenhöft says:

    Lieber Herr Frädrich,

    ich habe Ihre Ausführungen mit großem Interesse gelesen. Die innerliche Achterbahnfahrt, die Sie schildern, kann ich voll und ganz nachvollziehen und teile sie ebenfalls. Spannend wie ein Kurz-Krimi!
    Und doch habe ich an der einen oder anderen Stelle gestutzt. Ja, die Opferrolle ist etwas, worin es sich vermeintlich gut einrichten lässt. Manche wählen sich diese vermeintlich kuschelige Ecke und wollen sie auch nur ungern verlassen. Ich kann verstehen, dass so eine Opferrolle sie ärgert. Ihre Ausführungen sind die Überlegungen eines Menschen, der sich seit Jahren mit den Themen Selbstverantwortung und Lebensgestaltung beschäftigt. Nur: Auch Sie mussten diese Haltung vermutlich erst lernen. Für viele ist diese stärkenorientierte Sichtweise nicht selbstverständlich und wird auch selten vermittelt. Das, was Sie mit „die Situation schon anders sehen“ beschreiben ist meines Erachtens fortgeschrittenes Niveau, vor allem, wenn diese Sichtweise aus sich heraus entsteht und nicht von außen angestoßen wird. Ich finde es schwierig, Menschen einen Vorwurf daraus zu machen, wenn sie nicht von allein auf die Idee kommen.

    Ich wage kein Urteil darüber, ob dieser Brief nun echt ist oder nicht. Ich habe Menschen erlebt, die in der tiefsten Opferrolle feststeckten (Ja, zugegeben, das kann nerven). Und ein paar stärkenorientierte, lösungsfokussierte haben ihnen neuen Schwung gegeben. Und als sie einmal angefangen hatten, anders zu denken, entwickelten sie ganz schnell diese Form von Selbstverantwortung, die Ihnen so am Herzen liegt.

    Was ich damit sagen will: Indem Sie den Brief in den Papierkorb werfen, bringen Sie sich und diese Frau um die Gelegenheit dieses neuen Schwungs.
    Sie haben sich die Mühe gemacht, diesen langen Beitrag zu schreiben. Warum nicht der Frau mit ein paar lösungsorientierten Zeilen antworten?

    Einmal laut gedacht: Wenn es ein Betrugsversuch war, verlieren Sie maximal ein paar Minuten Zeit und keinem tut was weh. Wenn es kein Betrugsversuch war, haben Ihre Worte die Chance, genau der kleine Wachrütteler zu sein, den diese Frau vielleicht jetzt gebrauchen kann. Danach lässt er sich ganz vorzüglich in den Müll werfen.
    Was meinen Sie?

    Mit den besten Grüßen
    Ihre
    Simone D. Wiedenhöft

    Antworten
  3. sfraedrich says:

    Liebe Frau Wiedenhöft,

    Sie haben streng genommen Recht: Es bricht mir kein Zacken aus der Krone, wenn ich den Brief ernst nehme und beantworte, anstatt hier lange Beiträge zu posten.

    Ich sehe es so: Lieber schreibe ich hier lange Beiträge, die viele lesen, und an denen exemplarisch etwas dargestellt wird, als die Energie auf die einzelne Briefschreiberin aufzuwenden. Bitte bedenken Sie, dass dies nur EIN Brief unter VIELEN ist, die ich so oder so ähnlich erhalte.

    Sobald ich mich aber in einer „moralischen Pflicht“ verstehe, antworten zu „müssen“, weil ich es „sollte“, werde ICH zum Opfer! Weil ich dann nicht mehr frei entscheiden kann, was ich tue und was nicht. Und ich garantiere Ihnen, dass sich „die paar Minuten“ schnell aufsummieren … Und dann bleibt genau das auf der Strecke, was ich EIGENTLICH tun will.

    Also: Ich habe KEIN Helfersyndrom. Obwohl ich gerne helfe. Wem, entscheide ich selbst.

    Und: Wenn die Dame nicht nur *zufällig* auf mich gekommen ist, hat sie vielleicht sogar meinen Newsletter abonniert oder liest meinen Blog, was bedeutet, dass sie meine Antwort sowieso mitbekommt. In diesem Falle nehme ich ihr ernsthaftes Interesse an meinen INHALTEN ab – alles „okay“.

    Falls sie aber keinen NL/Blog von mir liest, keinen Podcast hört etc., ist ihre Bettelei entweder ein willkürlicher Betrugsversuch, weil ICH komplett austauschbar bin. Oder sie ist so tief in der Opferrolle, dass sie zwar nehmen, aber nichts lernen will. In beiden Fällen ist eine persönliche Antwort ebenfalls überflüssig.

    Nicht überflüssig hingegen ist die öffentliche Darstellung und Erörterung der ganzen Sache.

    Verstehen Sie meine Ansicht?

    SF 😉

    Antworten
  4. Conny T. says:

    Lieber SF,

    ich finde es gut, dass dieses Sachverhallt mal thematisiert wird.
    Immer öfter bekomme ich diese Art von Bettelei mit und auch wenn die Stellungnahme etwas spät kommt, empfinde ich es auch aktuell als diskussionswürdig.

    Es ist interessant, dass diese Leute als einzig mögliche Hilfe Geld anerkennen.
    Geld als Trost für ein versautes Leben.
    Wenn ich jemanden unterstütze, möchte ich auch wissen, was der oder die jenige für sich selber gemacht hat.
    Mir fehlen das selbstständige Aufstehen, das Ziel und auch eine Art von Selbstreflektion.
    Gehen wir mal davon aus, dass dieser Brief die Wahrheit beschreibt:

    Selbstverständlich gibt es unterschiedliche Arten mit einer Vergewaltigung umzugehen.
    Grade im Kindesalter ist ein adäquater Umgang ohne Hilfe kaum möglich.
    Allerdings wachsen wir auch und irgendwann sind wir für die Ergebnisse mit verantwortlich.
    Das heißt für mich, dass ich unerledigte Dinge in die Gegenwart einbeziehe, um meine Zukunft soweit wie möglich selber zu gestalten und nicht gestalten zu lassen.

    6 Jahre seine demenzerkrankten, pflegebedürftigen Adoptiv-Eltern zu pflegen ist eine harte Aufgabe, die nicht minder hart wäre, selbst wenn es die eigenen Eltern wären.
    In diesem Moment frage ich mich natürlich, wenn das Glück an dem Geld so hängt, was mit dem Pflegegeld der Eltern wurde.
    PS I : 235 € Pflegegeld bzw. 450 € als Sachleistung ausgezahlt
    PS II : 440 € Pflegegeld bzw. 1100 € als Sachleistung ausgezahlt
    PS III : 700 € Pflegegeld bzw. 1550 € (in Härtefällen 1.918 €) als Sachleistung ausgezahlt

    …und zwar pro Person!

    Nicht dass es leicht ist, wenn man seine Verwandten verantwortlich pflegt, aber es hört sich nur nach Entbehrung an und nicht nach einer persönlichen Herzensangelegenheit oder Nächstenliebe, weshalb ich auch das Geld erwähne.
    Nein, es wird als ein großes Opfer dargestellt. Die Personen, die vermutlich ahnten, wussten oder evtl. unterstützten, was an Rohheitsakten an dem Kind verübt wurde, werden trotz ihrer unmenschlichen Verhaltensweisen gepflegt. Uneigennützig?????

    Sorry, dass ich dies mal an der Stelle erwähne, aber ich habe auch meine demenzkranke Mutter und meinen krebskranken Vater gepflegt. Ich war sehr glücklich, dazu die Chance zu haben. Ich durfte sie auf ihrem letzten Wege begleiten. Dafür bin ich sehr dankbar.

    Als nächstes frage ich mich doch, welche eigenen Bemühungen von der so geschlagenen und verarmten Person kommen, um zu gesunden bzw. mit den Krankheiten umzugehen und sie mit in das Leben einzubeziehen? Welche Therapien sind erfolgt und welche Untersuchungen stehen an?

    Warum hat diese Person keine Freunde?

    Soll etwa Geld dieses Defizit kompensieren?

    Die Aussage, nie Glück im Leben gehabt zu haben, spricht auch für sich.
    Als was wird der Sieg über den Krebs angesehen?
    Ich denke, dass dieser Mensch mit einer psychologischen Hilfe besser beraten wäre, als mit Geld.

    …..wenn es denn stimmen sollte.

    Doch davon würde ich aus genannten Gründen nicht ausgehen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Conny T.

    Antworten

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