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Ein missverständliches aber sehr gelungenes Buch … 

 November 8, 2010

Von  Dr. Stefan Fraedrich

… ist Manfred Lütz‘ „Irre! Wir behandeln die Falschen – unser Problem sind die Normalen„.

Missverständlich – man möchte fast „irreführend“ sagen – ist der Titel. Denn davon handelt das Buch keineswegs. Vielmehr ist „Irre!“ vor allem ein rundes, humorvolles, liebevolles, anschauliches, lehrreiches, (überraschend) undogmatisches Kompendium eines der faszinierendsten Fächer der Medizin: der klinischen Psychiatrie. Für jeden uneingeschränkt zu empfehlen, der sich einen Überblick über eine komplexe Welt verschaffen möchte, die den meisten unverständlich, spooky oder wirr erscheint. Lütz erklärt dabei so, wie es ein guter Lehrer tun sollte: mit vielen lebendigen Beispielen aus der Praxis der Psychiatrie und angemessen nüchterner Einordnung in ein schlüssiges System aus Diagnose, Ursache und Behandlung. Ich habe mich oft wieder daran erinnert, warum ich so lange und mit so viel Freude in diesem Fach gearbeitet habe.

Dennoch habe ich das Buch nur auf Empfehlung eines Freundes gelesen, weil ich Manfred Lütz‘ öffentliches Auftreten und seine Ansichten in Talkshows in der Regel als provokant, bizarr und wirklichkeitsfremd empfinde. Einmal hatte ich bei Plasberg selbst das Vergnügen, mit Herrn Lütz zu diskutieren – und obwohl wir einander sympathisch waren, trennen uns weltanschaulich Welten.

Leider kommt Manfred Lütz auch in „Irre!“ nicht ohne Provokationen und schreiend lauten Schrägheiten aus. Und zwar genau an den Stellen, an denen er „die Normalen“ beschreiben will. Hier aber greifen – naturgemäß – die Begrifflichkeiten und Beurteilungskriterien des Psychiaters ins Leere, weil sie eben nicht für „Normale“ gemacht sind (worauf Lütz selbst hinweist), sondern dafür, die relevanten Fakten der Welt leidender Menschen zu beschreiben und so besser helfen zu können. Da ist es zwar mitunter witzig aber leider auch peinlich, wenn Lütz stets die schlichte Zweiteilung in „wahnsinnig Normale“ (blasse, graue Gestalten, die brav Regeln befolgen) und „ganz normale Wahnsinnige“ (Dieter Bohlen, Stalin etc.) herunterbetet. Mir drängte sich jedenfalls folgender Verdacht auf: Möglicherweise meint es Herr Lütz gar nicht provokativ, sondern ihm fehlt für die Welt des „Normalen“ schlicht genau das Verständnis, das er für die Welt der Psychiatrie so differenziert entfalten kann. Er ähnelt dem berühmten Handwerker, der als einziges Instrument seinen Hammer kennt und folglich in jedem Problem einen Nagel sieht. Manfred Lütz fremdelt trotzig in einer Umgebung, die weit komplexer ist als seine gewohnte. Und das weiß er entweder nicht oder er will es nicht wahrhaben (oder es ist seine ganz eigene Art der Koketterie) – wobei nicht verwunderlich ist, dass der blinde Fleck eines Psychiatrie-Chefarztes so groß sein kann: Einerseits ist er ausgewiesener Fachmann für menschliches Verhalten. Andererseits aber genau dafür blutiger Laie. So wie die Fähigkeit, eine Handfraktur richtig zu gipsen, nichts damit zu tun hat, den selben Händen auch das Klavierspielen beizubringen. Und so macht Manfred Lütz beim Begriff des „Normalen“ einen Kategorienfehler nach dem anderen. Ständig sind für ihn alle Hunde Pudel, weil Pudel nun mal Hunde sind.

Egal, niemand muss Herrn Lütz als Coach engagieren – auch wenn er als Therapeut sicher eine Wucht ist. Und: Das Buch ist trotz seiner Schrägheiten klasse. Die Parts über die Welt jenseits des „Verrückten“ können Sie überspringen. Obwohl: Lustig zu lesen sind sie allemal – ein Scherzkeks und brillanter Rhetoriker ist Manfred Lütz zum Glück ja. Und am Ende relativiert er seine Sicht des „Normalen“ sogar erstaunlich versöhnlich (obwohl ich ihm das im Kern nicht ganz abnehme).

Mir bleibt „Irre!“ jedenfalls als sehr vergnüglich und berührend in Erinnerung. Obwohl ich Herrn Lütz von Herzen die Erkenntnis wünsche, dass alles was „gleich gültig“ ist, dadurch nicht „gleichgültig“ wird – sondern bunt. Denn genau das ist es ja, was er so schätzt.

Kaufempfehlung!

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