Schieß doch, Hexe!

Sehr geehrte Hexe,

es ist nun etwa 35 Jahre her, seit ich weiß, dass man dich nicht nur im Märchen findet. Nein, du bist auch in der realen Welt höchst aktiv und bringst unsere Leben durcheinander.

Erfahren habe ich das damals von meiner Oma. Eines Tages schlich sie mit offensichtlichen Schmerzen und gebeugtem Kreuz durch die Wohnung. Einen „Hexenschuß“ habe sie bekommen, wie sie erklärte. Das sei bei ältere Menschen manchmal so, plötzlich schieße es einem in den Rücken – wie von Hexenhand. Ich fand das damals ziemlich gruselig. Zum Glück konnte mir das noch nicht passieren! Ich war ja noch kein „älterer Mensch“ …Fortan habe ich dein Treiben beobachtet, Hexe, habe etliche Schussopfer getroffen und mit ihnen gefühlt. Auch als ich während meines Zivildienstes im Krankenhaus bald selbst öfter ein Zwicken im Kreuz verspürte (bettlägerige Patienten können sehr unhandlich sein), hatte ich die Worte meiner Oma stets im Ohr: „Da kannst du dich fast gar nicht mehr bewegen!“ Zwar wusste ich mittlerweile, dass das Krankheitsbild den schönen Namen „Lumbago“ trägt und ich meine Rückenschmerzen am besten durch regelmäßiges Training verhindere, dennoch verlor ich nie die wahre Ursache aus den Augen: Dich, Hexe, wie du hinterlistig mit Pfeil und Bogen die unteren Rücken „älterer Menschen“ aufs Korn nimmst, sobald sie ihr Rücken- und Bauchmuskeltraining schleifen lassen.

Nun hast du also auch mich erwischt. Gut, meine Schuld: Weil ich zwei Wochen fast nur auf Achse war, viel im Auto saß und von Termin zu Termin hastete, habe ich nicht trainiert. Und ich gebe zu: Dein Schuß hatte sich angekündigt – mit einem fiesen Ziehen. Trotzdem: Hättest du mich nicht noch den einen Termin machen lassen können? Den bei dem ich nur zwei dicke Ordner aus dem Auto holte, als du plötzlich hinter mir standest und geschossen hast? Wie rücksichtslos von dir, wie gemein! Ich hätte mein Training schon wieder gemacht …

So aber war es damit nichts. Im Gegenteil. Ich schlich tagelang mit Schmerzen und gebeugtem Kreuz umher. Typisch Hexenschuß eben, so wie ihn „ältere Menschen“ bekommen. Ging zum Arzt, bekam eine Spritze in den Rücken, was erstaunlich wohltuend war. Und ich frischte ein paar wichtige Lektionen auf:

1.) Nicht gesund zu sein sind, bremst einen ganz schön aus. Kaum mehr aufstehen oder etwas heben zu können, sich jeden Schritt überlegen zu müssen und vor Schmerzen manchmal quieken zu wollen, ist nicht schön. Es verschiebt ein paar Prioritäten. Zeigt, was wichtig ist (und was unwichtig). Danke!

2.) Selbst wenn es wirklich wehtut, bestimmt vor allem unsere Wahrnehmung, wie es uns dabei geht: Jede Körperhaltung ohne Aua ist wie ein kleiner Urlaub – selbst wenn der nur zwei Minuten dauert. Danke! Ich kann mich auf viele sehr nette Menschen verlassen, die mich im Alltag unterstützen. Danke! Und wenn ich mit bewusster Achtsamkeit dennoch meine Dinge geregelt kriege, freue ich mich doppelt darüber, ja komme mir beinahe heroisch vor – obwohl ich nur Vorträge halte oder Schreibtischkram erledige. Es ist die Mission, die zählt. Danke!

3.) Außerdem muss ich mir eingestehen: Ich bin selbst Schuld. Ich WEISS, dass ich mein Training nicht aussetzen darf, weil ich WEISS, dass das mein Rücken nicht mag. Ich trage also die volle Verantwortung. Du, werte Hexe, bist lediglich ausführendes Organ. Du schaffst Fakten, die ich fahrlässig selbst herbeibeschwöre. Daran musste ich wohl erinnert werden. Dafür nochmal: Danke!

Ich habe also gelernt und werde meine Konsequenzen ziehen. Ich werde wieder so trainieren, wie ich es brauche: Mindestens zweimal pro Woche mit Hanteln, Kettlebell und der Kraftstation (und diesen paar ganz besonders anstrengenden Übungen, die ich lieber bleibenlassen würde).

Damit ich dir wieder mutig und selbstsicher zurufen kann: „Schieß doch, Hexe!“

Dein demütiger Stefan

2 Kommentare
  1. Sylvia Vollovec says:

    Gute Besserung !!! Es ist echt ein Kreuz mit dem Kreuz und ich weiss auch wovon ich spreche glg Sylvia aus Innsbruck

    Antworten

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