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Weg mit der Soße! 

 Dezember 15, 2009

Von  Dr. Stefan Fraedrich

 

Liebe Schweinehundeprofis,

es geht mal wieder in die Zielgerade: Wir haben Dezember. Und wo sich manch eine(r) möglicherweise melancholisch fragt, wo mal wieder die Zeit geblieben ist, habe ich auch dieses Jahr wieder als enorm produktiv empfunden. Als eine Zeit, in der viele schöne Dinge passiert und wichtige Projekte entstanden sind. Sowohl privat als auch beruflich gibt es nichts zu motzen: Neue schöne Penthousewohnung mit Dachterrasse bezogen, den coolsten Hund der Welt angeschafft und vor ein paar Tagen heiratete ich meine Traumfrau (vielen Dank für die vielen Glückwünsche)! Dieses Jahr fünf neue Bücher auf den Markt gepustet, zwei Hörbücher, „Günters kleine Welt“, super Homepage gelauncht und wieder etliche Vorträge und Seminare gehalten. Nicht einmal die böse Finanzkrise hat mich erwischt. Nachdem ich zwar im Sommer einen kurzen Umsatzschluckauf hatte, übertraf das Jahresendgeschäft alle meine Erwartungen. Nein, es gibt nichts zu meckern.

Ehrlich gesagt: Manchmal wird mir fast unheimlich, wie viel Spaß das Leben macht, wenn man es bewusst lebt, man also die vergehende Zeit mit relevanten Ereignissen füllt, statt die DVD nach Feierabend für den Wochenhöhepunkt zu halten. So wird die vergehende Zeit zum Synonym für Entwicklung, Wachstum, eigene Geschichte und Fortschritt. Sie vergeht nicht einfach, sondern während ihr entsteht etwas. Und diese Ansammlung von Entstehendem wird unterm Strich zu unserem Leben. Im besten Fall zu einem befriedigend genutzten.

Aber: Flutscht alles wirklich immer so einfach? Mitnichten. In der Regel ist Produktivität mit Arbeit verbunden, wobei ich mich aber sträube, guten Gewissens von „Arbeit“ im landläufigen Sinne zu sprechen. Denn es geht mir nicht um anstrengende lästige Pflichten. Vielmehr geht es mir um konsequente und produktive Handlungen in die richtige Richtung. Wobei die nicht einmal hundertprozentig richtig oder straff organisiert sein müssen. Denn eigentlich geht es doch meist nur darum, dass relevante Dinge überhaupt getan werden. Im Alltag aber habe ich oft den Eindruck, viele verstünden unter Arbeit so ziemlich das Gegenteil: zwar formell korrekte aber im Ergebnis unproduktive Handlungen. Solche in die falsche Richtung. Die dann eben auch als anstrengend (sinnlos?) empfunden werden …

Und dann erinnere ich mich an ein paar seltsame Begebenheiten im Jahre 2009 und muss zugeben, dass doch nicht alles gut war. Denn oft hatte ich den Eindruck dass immer noch eher verwaltet wird (den Weg möglichst „richtig“ gehen) anstatt zu gestalten (den richtigen Weg gehen).

So war ich vor kurzem etwa in einem behördenverwandten Betrieb, in dem ich mit lauter „wichtigen“ Leuten zu tun hatte. Jeder strotze nur so vor Seriosität. Und dann traf mich fast der Schlag, als ich beim Produktionsprozess zuschauen durfte. Hier taten sechs Leute, was in vergleichbaren rein privat organisierten Betrieben maximal zwei tun! Und ihre Arbeit machten sie nicht besser als die Privaten, sondern höchstens ignoranter und gelangweilter. Spaß am Job? Erschien mir nicht so. Eher, dass die Damen und Herren anscheinend seit langem die persönliche Unterforderung kultivieren und sich dabei noch wichtig nehmen. Was wohl passiert, wenn man hier mal hustet? Wie viel Staub da hochgewirbelt wird? Und so konnte ich mir nicht verkneifen, etwas organisatorisch ganz und gar Außerplanmäßiges zu verlangen. Was soll ich sagen? Auf einer Hektikskala von 0 bis 10 waren wir sofort auf mindestens 8,5. Den flexiblen und in Leistung trainierten Privaten hätte eine ähnliche Anforderung wahrscheinlich maximal eine 2 abverlangt …

Ja, ja, immer diese Außerplanmäßigkeiten. Auch beim Thema Nichtraucherseminare konnten wir 2009 nicht weiterkommen. Im Gegenteil: Ein Krankenkassenspitzenverband hat uns trotz immer eindeutiger evaluierten Erfolgen unsere Förderungsfähigkeit aberkannt. Eine reine Politposse: Hier scheint man zugunsten bestimmter „Mitbewerber“ (die meist aus reiner Marksicht gar keine sind, weil ihre Erfolge sich im Wesentlichen auf den Wissenschaftslobbyismus und das Einwerben zweifelhafter Drittmittel beschränken) den Markt aufräumen zu wollen. Der Vorwurf: Wir seien nicht nachweisbar wirksam und nicht „wissenschaftlich“, weil wir nicht evaluiert seien, was beides nicht stimmt. Außerdem würden wir Standards verletzten. So raten wir Neu-Ex-Rauchern zum Beispiel davon ab, Nikotinpräparate für den Entzug zu benutzen, obwohl die Weltgesundheitsorganisation deren Gebrauch für sinnvoll hält. Und dabei kann sie sich natürlich auf Studien stützen. Dass aber im gesamten Forschungsbereich „Raucherentwöhnung“ fleißig Gelder von der Pharmaindustrie fließen, interessiert nicht. Auch nicht, dass die weitaus meisten erfolgreichen Ex-Raucher einfach so mit dem Quatsch aufgehört haben – also ohne Pillen, Pflaster, Psychotherapie und ähnliches. Denn auch Raucher sind meist ganz normale Menschen, die keine Therapie benötigen, sondern nur ein bisschen Verständnis für die Mechanismen des Rauchens, Motivation zum dauerhaften Rauchstopp und ein paar Strategien für den Alltag. Das Rauchen aber mit Nikotinpräparaten aufhören zu wollen, ist so bescheuert, als wollte man Alkoholiker mit Weinbrandbohnen entziehen! Muss ich übrigens betonen, dass die uns ablehnende Verbands-Verantwortliche selbst Raucherin ist? Manche Dinge sind so traurig, dass man darüber nur lachen kann …

Doch raus aus meinem persönlichen Universum! Auch sonst hatte ich häufig den Eindruck, als verklebe eine zähe Soße das eine oder andere Hirn. Anscheinend köcheln manche so lange vor sich hin und schmoren dabei im eigenen Saft, dass sie gar nicht mehr bemerken, dass es schon fast klumpt. Nehmen wir mal unseren nicht stattgefunden habenden Bundestagswahlkampf. Hallo, war das zäh!? Konstruktive und produktive Auseinandersetzungen sehen anders aus. Und wenn der Nichtangriffspakt wirklich widerspiegelt, welche Einigkeit hinter den Kulissen herrscht, erschaudere ich erst recht: Wo sind denn die großen Visionen, Ziele, Richtungen? Wo steht Deutschland? Und wohin geht es? Wo liegen unsere größten Baustellen? Wo unsere Ressourcen? Welche Hausaufgaben müssen wir machen, worin unsere Stärken ausbauen? Wie kriegen wir die Demografie in den Griff? Wie holen wir qualifizierten Nachwuchs ins Land? Womit können wir locken? Wie können wir sozial besser integrieren? Wie gehen wir mit dem Älterwerden um? Wie bilden wir unsere Kinder aus? Wer bringt Ihnen besser bei, mit Geld umzugehen, mit den neuen Medien, wie Märkte funktionieren, wie sie ihr Leben selbst gestalten? In welche Richtung geht es mit den Sozialkassen? Ach, machen wir den Fokus breiter: Was ist denn jetzt mit dem Klimaschutz? Wer erlässt Afrika endlich die Schulden? Und hat schon mal jemand darüber nachgedacht, was passiert, wenn ein etwas größerer Meteorit auf die Erde plumpst? Warum könnten wir so einen Meteoriten bislang nicht rechtzeitig erkennen und das Ende der Menschheit verhindern? (Okay, zugegeben: Klingt zwar nach Science Fiction, ist aber im Laufe der Erdgeschichte etliche Male vorgekommen – mit jeweils unangenehmen Konsequenzen für das gerade vorherrschende Leben.) Nun, es scheint mir nicht so, als gäbe es keine relevanten Themen. Doch nichts! Gar nichts war davon im Wahlkampf zu hören! Stattdessen nur der alte Schmonz aus Verteilungsgerechtigkeit und Pseudogetöse wie beim Thema Opel.

Apropos Opel: Das gesamte Thema Wirtschaft reduzierte sich im Wahlkampf auf Opel. Der demokratische Grundtenor: „Sauerei, wenn da Arbeitsplätze kaputt gehen!“ Nur: Hat irgendjemand mal angemerkt, dass sich Opel in den letzten Jahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat? Auch jetzt noch geht es ständig um die Zahl der Kündigungen. Aber: Geht es im Kern nicht eigentlich darum, gute Autos zu bauen? Autos, die Menschen gerne kaufen? Soße, alles Soße! Und was macht die SPD? Eine dunkelrote Rolle rückwärts! Und liegt trotzdem unter 20 Prozent. Kein Wunder: Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Menschen hierzulande noch mit abstrusen Versprechen zum Renteneintrittsalter das Denken einschläfern lassen wollen. Viel eher nehme ich persönlich wahr, dass sich immer mehr fragen, wieso man ständig die Beute verteilt, noch bevor sie gemacht ist. Auch unsere Regierung. Eine Rentengarantie hat uns die sogar gewährt! Soso, relevante Wählergruppen scheint man kaufen zu wollen, indem man ihnen verspricht, dass die Bezüge nicht gekürzt werden. Dass das nie und nimmer funktioniert, hat vor Jahren schon mal Herr Blüm geleugnet. Auch damals ging es wohl eher um Zielgruppenorientierung beim Politmarketing als um die Wahrheit oder gar relevante Richtungsfragen. Besser geworden ist es seitdem nicht. Im Gegenteil: Immer weniger Produktive müssen immer mehr Kohlen aus dem Feuer holen. Soße, Soße, noch mehr Soße!

Dabei finde ich die Aussichten gar nicht so düster. Denn wer seinen Kopf aus der Tunke erhebt und sich das klebrige Zeug mal aus den Augen streicht, sieht auch in unserer komplexen Welt überall Chancen. Denn: Statt nur zu verwalten, kann man selbst Gutes stets noch besser machen! (Okay, ob das jetzt auch das neue Windows betrifft, bleibt erst mal abzuwarten.) Doch darum geht es doch: Ums Besserwerden. Um Nutzen. Wer Menschen Nutzen bringt und Bedürfnisse befriedigt, streicht Gewinne ein – ganz einfach. Und ich habe nicht den Eindruck, als verschwänden in der Welt die Bedürfnisse. Auch wenn sie manchmal feiner werden, geht es im Kern stets um diese Gewinnmarge, die Leben und Wirtschaft antreibt und uns somit Sinn, Glück und sogar Wohlstand beschert: Es geht darum, die Dinge besser zu machen! Nicht sie nur zu verwalten oder sehenden Auges in die falsche Richtung zu treiben. Denn: Weil Entscheidungen in unserem Leben auch in Zukunft häufig zwischen „gut“ und „besser“ getroffen werden, wird es niemals Knappheit an Wirtschaft, Ideen oder Dienstleitungen geben! Wer seine Augen aufmacht, sieht die Ideen auf der Straße liegen. Wenn, dann scheitert es bei uns höchstens an der Umsetzung von Ideen! Denn wer zu tief in die Soße eintaucht, bleibt schnell mal kleben: zwischen den zähen Klumpen aus Gleichmacherei und Verwaltung. Und dort verliert man leicht die Lust am Mitgestalten …

Wie aber geht das mit der Umsetzung von Ideen? Mit der Produktivität? Vorsicht: Hier betreten wir spannendes Neuland jenseits der Autobahnen unserer kollektiven Gewohnheiten! Denn es geht dabei ums Andersmachen, nicht ums Nachmachen. Um Kunden- und Nutzenorientierung statt um Lobbyismus und Bestandsschutz. Um Positionierung statt um stromlinienförmige Austauschbarkeit. Um Mut zum (mitunter genialen) Verrückten und zur Kreativität statt um graue Gleichschaltung. Und für all das brauchen wir Neugier, Wissen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Übung, Erfahrungen, Mut, praktische Umsetzung – und zuallererst mal einen soßenfreien Verstand ohne Routinegrenzen und fachbezogene Denkhemmung. Hey! Könnte hierin nicht ein großes neues Aufgabenfeld sozialer Politik liegen? Darin, Menschen besser zu machen, kreativer, mutiger, selbstständiger, ihrer eigenen Stärken und Potenziale bewusster? Denn: Je stärker der Einzelne, desto stärker wir alle. Das wäre doch mal etwas! Ein Entwurf! Eine Richtung! Ein Sinn! Stattdessen aber ist wohl eher zu befürchten, dass man unter „sozial“ auch weiterhin das Verteilen vermeintlicher Gerechtigkeit verstehen wird. Wie schade. Und wie unsozial …

Doch zurück in meine eigene, ziemlich heile Welt. Was zerbreche ich mir unnötig den Kopf? Es wird sich sowieso nichts und wie immer alles verändern. Je nachdem, aus welcher Perspektive wir das Spielfeld betrachten und möglicherweise sogar mitspielen wollen. Denn wie ich schon sagte: Es ist so unglaublich viel schöner, das Leben bewusst zu leben und die vergehende Zeit mit relevanten Ereignissen zu füllen statt mit klebriger Soße! Entwicklung zu schaffen. Fortschritt. Die eigene Story zu schreiben. In einem befriedigend genutzten Leben. Im Einklang mit Günter und allen anderen inneren Schweinehunden unserer Gesellschaft. Denn ich bin überzeugt: Wir alle tragen längst in uns, was wir dazu brauchen. Lassen Sie uns diese Schätze heben!

Eine hirnaktive Vorweihnachtszeit wünscht

Ihr

Stefan Frädrich

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