Selbstfindung ist Opferhaltung

Liebe Schweinehundefreunde,

kennen Sie die Formulierung: „Ich muss mich selbst finden“?

Meist tauchen solche Selbstfindungsfloskeln im Zusammenhang mit dem Wörtchen „erst“ auf, um gleich darauf eine Wenn-dann-Bedingung zu formulieren: „Erst wenn ich mich (wieder/wirklich) selbst finde, geht es mir gut/bin ich glücklich/stimmt mein Leben.“

Aussage im Umkehrschluss: So lange man sich selbst nicht „gefunden“ hat, ist man noch auf der Suche – und hat alles Recht der Welt, sich (noch) nicht (wirklich) gut zu fühlen/unglücklich zu sein/sein Leben als irgendwie falsch zu empfinden. 

Vermutlich ahnen Sie schon: Ich bin weder mit der Formulierung einverstanden, noch mit der implizierten Aussage.

Denn: Wenngleich es etliche schwierige Lebenskonstellationen gibt und unzählige Wege, an denen man falsch abbiegen und in Sackgassen landen kann, stört mich, welche Haltung hier zugrunde liegt: die eines Opfers. Die eines passiven Spielballs des (ach so beliebigen!) Schicksals, welches man passiv zu ertragen hat – und dabei aber (recht aktiv) die schmerzhafte Diskrepanz zum gewünschten Idealzustand wahrnimmt: „Hätte ich endlich meinen Traumjob, Traumpartner, Lebenssinn, Traumkörper, die Millionen auf dem Konto, dann wäre endlich alles gut!“

(Sie bemerken die krude Grundhaltung, die eine nicht erfüllbare Bedingung enthält: Erst wenn wirklich ALLES stimmt, soll alles gut sein. Vorher stimmt noch GAR NICHTS, denn es stimmt ja noch nicht alles …)

In meinen Augen liegt der fundamentale Denkfehler darin, dass man sich selbst nicht „finden“, aber sehr wohl „erschaffen“ kann. Und entlang des Weges, sich selbst zu erschaffen, entsteht das Gefühl, sich dabei auch zu finden. Ein Gefühl welches darauf hinweist, dass man sich unterwegs zwischenzeitlich „verloren“ haben mag, beziehungsweise zuvor noch nicht „bei sich angekommen“ war. Ein Gefühl der Unzufriedenheit mit dem Status Quo.

Doch wie man mit diesem Gefühl umgeht, bestimmt letztlich, ob man sich nun „findet“ oder nicht:

  • Wer es als Handlungssignal wahrnimmt, sich auf den Weg begibt, sich stetig hinterfragt, weiterentwickelt, lernt und aktiv handelt, kann genau darin den Sinn empfinden, der sein Leben augenblicklich stimmig macht. Wir können uns selbst finden, indem wir akzeptieren, auf einer Suche zu sein. Oder in einer mehr oder weniger intensiven ständigen Wechselwirkung und Anpassung zwischen Leben, Wünschen und Umständen. Auf einer Reise, die bis zu unserem Ende weitergeht.
  • So erstreben wir keinen stabilen, aber unerreichbaren Status Quo, in welchem wir uns dauerhaft wohlfühlen wollen. Stattdessen streben wir nur nach der jeweils nächsten Stufe der Erkenntnis, die zu erreichen uns aber immer möglich ist –selbst wenn wir uns dafür auch mal strecken, Dreck fressen oder Rückschläge hinnehmen müssen.
  • Wer Unzufriedenheit hingegen vorwiegend als Frustsignal wahrnimmt, konzentriert sich auf den Unterschied zwischen Soll und Ist. Dadurch verstärkt sich die Spirale aus Frust, gefühlter Hilflosigkeit – und dem Bedürfnis, „sich selbst zu finden“. Man glaubt, eine bestimmte, noch nicht gefundene Lebenskonstellation könne quasi die Superkräfte des „wahren Ichs“ aktivieren, um alle Probleme von heute auf morgen zu lösen. (Diese perfekte Konstellation müsse es wohl geben: Schließlich sei vielen ihr Ich anscheinend mit Glück und Leichtigkeit zugeflogen. Dass diese Menschen hingegen eher zu den aktiven und kontinuierlichen Weiterentwicklern gehören, passt nicht ins Opfer-Weltbild und wird ignoriert …)
  • Weil es im Leben aber niemals die eine Ideallösung gibt, das eine Traumleben, sondern nur unzähligen Facetten und Möglichkeiten, ist der Schwebezustand voller Unzufriedenheit ein bequemer Selbstbetrug. Kurzfristig bequemer jedenfalls als in den Spiegel zu blicken und zu erkennen: „Du machst dich selbst unglücklich!“ Das würde nämlich auch bedeuten, mehr Verantwortung für sich zu übernehmen. Es würde die Erkenntnis bedeuten, besser den eigenen Arsch hochzukriegen und sich aus dem selbstgemachten Quark zu befreien. Doch Selbsterkenntnis und erste Schritte sind anstrengend. Also ist die anklagende Unzufriedenheit zwar ein fauler, aber zumindest stabiler Kompromiss, um sich kurzzeitig nicht noch schlechter zu fühlen.

Worauf läuft es also hinaus? Selbstfindung ist ein Resultat guten Lebens, keine Voraussetzung dafür:

  • Die einen müssen sich nicht suchen, weil sie sich und ihr Leben jeden Tag wie selbstverständlich neu erschaffen. Sie haben sich längst gefunden.
  • Die anderen hingegen können sich ewig suchen und werden sich trotzdem niemals finden.
  • Es sei denn, sie halten kurz inne, sehen sich bewusst um und erkennen: „Das hier ist also dein Leben. Es ist zwar nicht alles super, es könnte aber auch schlechter sein. Also los jetzt, mach was draus!

Ich wünsche Ihnen einen gestaltungsfreudigen Rest-Juli.

Herzliche Schweinehundegrüße

Ihr

Stefan Frädrich

1 Antwort
  1. Astrid says:

    Hallo Stefan,

    Ihre Überlegungen hier in diesem Artikel gefallen mir gut.

    Besonders gefällt mir die Äußerung: „…, dass man sich selbst nicht „finden“, aber sehr wohl „erschaffen“ kann. Und entlang des Weges, sich selbst zu erschaffen, entsteht das Gefühl, sich dabei auch zu finden.“

    Für mich bedeutet das, vorwärts zu gehen, etwas zu tun, was Freude bereitet und beim freudigen Tun sich selbst immer besser wahrzunehmen.

    Wir sind eigentlich schon komplett, wir haben uns nur vergessen.

    Danke für diese Anregungen.

    Antworten

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