„Papi, wenn wir uns beeilen…“

Liebe Schweinehundefreunde,

heute morgen brachte ich meinen Vierjährigen Sohn mal wieder in den Kindergarten. Wir waren etwas spät dran, also trug ich ihn ein gutes Stück länger, als wir das üblicherweise tun. (Unser morgendliches Kuschelritual – herrlich!) Immerhin war heute Osterfrühstück angesagt – und da wollten wir pünktlich sein. 

Die grüne Ampel: Problem oder Chance?

Etwa 50 Meter vor der letzten Kreuzung sprang die Fußgängerampel auf grün. Juri sah das, schaute mich an und sagte: „Papi, wenn wir uns beeilen, schaffen wir es vielleicht noch!“ Also liefen wir schneller – und schafften es tatsächlich. Punkt neun Uhr kamen wir an. Genau zu Beginn des Osterfrühstücks.

Banale Geschichte? Keineswegs.

Schauen wir uns den entscheidenden Satz mal genauer an:

1.) „Papi, wenn wir uns beeilen …“

Wenn wir uns beeilen! „Wenn“ und „beeilen“ sind zwei echte Zauberwörter, in denen ganze Bedeutungswelten stecken! Denn um sie denken zu können, braucht man erst mal das entsprechende Mindset: Wir können, wenn wir wollen, unseren jetzigen Status verändern.Einfach so, per Entscheidung. Nichts ist festgeschrieben. Nirgendwo steht, dass man in genau dem Tempo weitertrotten muss, welches man gerade hat. Die Welt steckt voller Optionen, Chancen, Entscheidungen. Und: Wir können uns sogar freiwillig dazu entscheiden, etwas Anstrengendes zu tun! Freiwillige Anstrengung! Ja, das geht.

2.) „… schaffen wir es vielleicht noch!“

Wir können es schaffen! Und zwar (nur) vielleicht! Beeindruckend, oder? Eine komplexe Gedankenkette, denn es gibt zwar eine Kausalität zwischen „beeilen“ und „schaffen“ (wenn wir uns nicht beeilen, schaffen wir es sicher nicht), allerdings eine mit unsicherem Ausgang: Es könnte auch sein, dass wir es nicht schaffen, obwohl wir uns beeilen. Risiko! Nichts ist sicher. Nicht mal, dass man für Anstrengung belohnt wird.

Dennoch schwingt der Wunsch mit, es zu schaffen, weshalb wir uns entscheiden, uns zu beeilen, denn wir haben dazu schließlich einen guten Grund: das Frühstück im Kindergarten.

Wissen Sie was? Ich könnte über diesen obigen Satz ganze Tagesseminare halten. Mit Anwendungsbeispielen in etlichen Lebens- und Arbeitsbereichen. Mit Reflexionen, Rollenspielen, Aha-Momenten. Denn allein die Schrittfolge „Chancen erkennen, freiwillige Anstrengung, Misserfolge einkalkulieren“ impliziert eine nahezu todsichere Erfolgsformel: Wir wissen nie sicher, was klappt. Nur wenn wir nichts tun, klappt sicher nichts. Doch wenn wir etwas tun, wird auf lange Sicht auch etwas klappen. Also müssen wir für Erfolg immer etwas tun, obwohl er nie garantiert ist.

Growth Mindset versus Fixed Mindset

Die US-amerikanische Psychologin Carol Dweck nennt genau das einen „growth mindset“, also eine innere Wachstumshaltung, Wachstumsdenkweise, Wachstumsmentalität, wie immer man „mindset“ übersetzen möchte. Carol ist eine akademische Ikone der Erfolgspsychologie. Sie sagt, wer auf diese Weise denkt und lebt, hält seine persönlichen Umstände, Fähigkeiten, scheinbare Grenzen nicht für fest, sondern für prinzipiell beeinflussbar. Also nimmt eine Person mit Growth Mindset nichts einfach hin, sondern versucht stets, die Situation im bestmöglichen Sinne zu beeinflussen.

Der psychologische Gegenpol hierzu ist der „fixed mindset“, also die starre, feste, unveränderbare Haltung, Denkweise, Mentalität – mit dem entsprechenden ständigen Gefühl und tatsächlichen Erleben von Hilflosigkeit.

In einem Interview über Mindsets von Studenten, unterscheidet Carol Dweck folgendermaßen: „In einem festen Mindset glauben Studenten, ihre grundsätzlichen Fähigkeiten, ihre Intelligenz, ihre Talente seien einfach starre Eigenschaften. Sie haben davon eine gewisse Menge – und das war es dann auch schon. Ihr Ziel wird es also sein, stets möglichst schlau zu wirken und niemals dumm. In einem Wachstums-Mindset hingegen verstehen Studenten, dass ihre Talente und Fähigkeiten sich entwickeln können, wenn sie sich anstrengen, gute Lehrer haben und dranbleiben. Sie denken nicht notwendigerweise, dass jeder gleich ist oder jeder ein Einstein werden kann. Aber sie glauben, jeder kann schlauer werden, wenn er daran arbeitet.“

Die Beeiler und die Trödler

Übertragen wir das mal metaphorisch auf die Ampeln entlang unseres Lebensweges und betrachten dabei zwei GruppenDie eine lässt es stets ruhig angehen und sagt sich: „Was soll’s? Wann die Ampel umspringt, kann ich eh nicht beeinflussen. Warte ich eben auf das nächste Grün.“ Die andere Gruppe legt prinzipiell Zwischensprints ein, um noch bei Grün über die Straßen zu kommen. Was wird passieren, wenn wir dieses Setting über eine lange Zeit und viele Ampeln hinweg betrachten?

Wir werden genau drei Erkenntnisse gewinnen:

Erstens werden sich die Beeiler immer wieder vor roten Ampeln wiederfinden, wo die entspannten Trödler sie locker einholen und über sie den Kopf schütteln: „Wozu haben die sich so angestrengt? Jetzt müssen sie ja doch stehen bleiben.“

Zweitens werden es die Beeiler auch immer wieder bei Grün über die Straße schaffen – selbst wenn sie bei der nächsten Ampel hin und wieder von den Trödlern eingeholt werden.

Drittens wird sich die Gruppe der Beeiler mit wachsender Strecke und über längere Zeit immer weiter von den Trödler absetzen – sie sind häufig eben doch den Tick schneller, was sich bald summiert und am Ende ordentlich Strecke macht.

Na, wie sieht es bei Ihnen aus? Sind Sie eher ein Beeiler-Typ oder ein Trödler? Wie sieht es in Ihrem Leben aus mit der Erfolgsorientierung, Weiterentwicklung, Chancenverwertung? Denken Sie eher: „Mal schauen, ob was geht!“ Oder lieber: „Ach, streng dich nicht an. Sonst investierst du nur viel Arbeit – und hast nicht mal die Garantie, dass es klappt.“

Falls Sie sich zur zweiten Kategorie zählen, bedenken Sie bitte:

  • Es gibt für nichts und niemanden Erfolgsgarantien. Aber für jeden Erfolgschancen.
  • Nur wer spielt, kann auch gewinnen. Wer nicht spielt, gewinnt mit Sicherheit nicht.
  • Erfolg ist das Resultat gerichteter Handlungen über Zeit hinweg. Wer sich passiv treiben lässt, erlebt nur Zufälle und nennt sie dann Schicksal.
  • Bewusste Handlungen folgen unseren Entscheidungen. Aber auch wenn wir nicht handeln, entscheiden wir uns: eben nicht zu handeln.
  • Handlungen sind mitunter anstrengend. Noch anstrengender aber sind oft die Konsequenzen des Nichthandelns.

Das wissen eigentlich schon Vierjährige …

Und jetzt los: Da, schauen Sie! Direkt vor Ihnen, da ist gerade die Ampel grün!

Frohe Ostern wünscht Ihnen

Ihr

Dr. Stefan Frädrich

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