Hilfe, mein Büroleiter ist ein Cowboyhase!

Liebe Schweinehundefreunde,

jeden Donnerstag drehen mein Büroleiter Aki Rüpprich und ich eine Runde mit unseren Hunden. Das ist eines unserer Lieblingsrituale: Nicht nur können wir uns in dieser Zeit höchst effizient und quasi nebenbei über aktuelle Projekte austauschen, wir schnacken auch über Familie, Sport, Politik, Medien, Gott und die Welt. Sprich: Wir haben ein informelles Meeting an der frischen Luft geschaffen, das uns (und unseren Hunden!) in vielerlei Hinsicht gut tut.

Auch gestern wieder holte ich Aki und Mila (seine wunderschöne Weimaraner-Hündin) im Teambüro ab, welches nur eine Querstraße von meinem Büro entfernt liegt (ich bin ein typischer Alleine-Arbeiter und brauche fest geschlossene Türen, um produktiv zu sein). Klitschko, meine französische Bulldogge (und übrigens Milas fester Freund), steht an der Bürotüre und bellt Aki an, als er uns öffnet. Aki? Nein, vor uns steht: ein Cowboyhase!

Es ist Karneval!

Traraaa: Es ist Karneval! Und wie jedes Jahr beginnt dieser am Donnerstag (Weiberfastnacht) bereits um 11.11 Uhr – und jeder macht mit. Nur ich scheine das gestern vergessen zu haben. Und so komme ich mir ziemlich exotisch vor: Unsere Hunde haben längst in ihren Flirt- und Spielmodus gewechselt und neben mir läuft ein Mann in Jeans, Lederjacke und Cowboystiefeln mit Sporen, die bei jedem Schritt ein rasselndes Geräusch von sich geben. Zudem trägt der Mann Revolver, Halstuch und einen waschechten Cowboyhut aus dem zwei große und sehr plüschige Hasenohren in die Luft ragen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unterwegs begegnen wir anderen Cowboys (ohne Hasenohren), Sträflingen,Rotkäppchen und dem bösen Wolf, einem (unechten) Rosenverkäufer und jeder Menge geschminkten Mädels und Jungs mit allerlei Perücken und Rollen. Die Luft duftet nach Kölsch, alle Kneipen haben geöffnet, man hört Karnevalslieder. Hier und datorkeln und lallen schon die ersten. Aus dem Fenster einer proppevollen Eckkneipe klettert die blaue Neytiri aus Avatar und rät einem Freund lautstark, sich nicht zu schämen und doch einfach an die Hauswand zu urinieren. Ich hingegen schäme mich wirklich: Es ist Karneval – und NUR ICH (!!!) bin nicht verkleidet … (Das liegt daran, dass ich gestern Oberkante Unterlippe zu tun hatte und meinte, keine Zeit mehr zu haben, mich umzuziehen. Passiert mir nie wieder!)

Was soll ich sagen? Karneval in Köln muss man erlebt haben, um das Phänomen zu verstehen. Es ist nicht einfach nur Karneval. Nein, Karneval IST. Er ist da. Überall. Immer. ALLES ist hier Karneval zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch. Sich dagegen zu wehren ist unvorstellbar. In Köln gehört der Karneval so sehr zum Leben, dass Arbeit währenddessen unwichtig wird. Viele Büros haben geschlossen, oder es ist höchstens eine Notbesetzung anwesend. Zum Glück! Für das, was hier abgeht, dürfte man anderswo nicht mal rudimentär Verständnis aufbringen – geschweige denn sich zu Geschäften ermutigt fühlen. Die spinnen, die Kölner.

Karneval ist weise

Doch halt: Spinnen die Kölner wirklich? Ich glaube nicht. Im Gegenteil: Ich bin (obwohl vorwiegend süddeutsch sozialisiert und lange Zeit Karnevalsskeptiker) der festen Überzeugung, dass Karneval eine zutiefst weise Sache ist.

Vor allem die folgenden drei Lebensregeln zelebriert man hier beeindruckend erfolgreich:

1. Nimm dich nicht so wichtig!

Oft halten wir uns für das Zentrum des Universums. Unser Job? Unsere Probleme? Unsere ach so seriöse soziale Rolle? Wichtig, wichtig, wichtig! An Karneval jedoch: UNWICHTIG!

Hier schunkelt der Anwalt neben dem Busfahrer, baggert die betrunkene Studentin den schwulen Nachbarn an und wird der strenge Mathelehrer zum Tänzer auf dem Tisch. Alle sind verkleidet. Alle haben Spaß. Alle geben Gas. Die „normalen“ Regeln sind außer Kraft gesetzt – und genau dadurch werden alle „normal“.

Ganz ehrlich: Was gibt es Sympathischeres als Menschen, die sich selbst nicht allzu ernst nehmen? Was gibt es Netteres als eine Stadt voller Pappnasen und guter Laune? Hier relativiert der Karneval das ganze Leben: Wir steigen bewusst aus unserer Rolle aus, verlassen unseren Bezugsrahmen – und gewinnen genau dadurch Überblick und Sehschärfe. Der Karneval hilft uns, die Dinge in der richtigen Relation zu sehen: Wir alle SIND nicht so wichtig! Das macht Vieles leichter. Das Leben fühlt sich locker flockig an, selbst wenn es das mal nicht ist.

2. Mach dich locker!

Oft halten wir krampfhaft an unseren Haltungen und Vorstellungen fest: Die Dinge haben so zu sein, wie wir sie sehen (wollen). Das geht zu Lasten einer gesunden mentalen Flexibilität, es tötet die Leichtigkeit.

Karneval hingegen zwingt fast zur Leichtigkeit. Er massiert selbst die härtesten Krämpfe aus unserem Ego. Denn es gibt im Leben häufig nur eine Möglichkeit, psychisch unbeschadet zu bleiben: Sich locker – und manchmal einfach nur mitzumachen!

Genau das trainiert der Karneval: Ist es nicht so wie du willst, ist es eben anders. Und wenn alle singen und feiern, dann mach doch einfach mit! Einen Grund dazu brauchst du nicht. Egal, ob dir danach zumute ist. Was bedeuten schon deine Laune, deine Problemchen, deine kleine Rolle? Also stell dich nicht so an, mach dich locker und mach mit!

Mitunter eine sehr gesunde innere Haltung …

3. Es geht auf Knopfdruck!

Was brauchen wir oft nicht alle, um glücklich zu sein? Ein größeres Auto, schlauere Kinder, mehr Gehalt. Und wenn wir unsere Ziele erreicht haben, tauchen schon wieder die nächsten auf. Hallo Hamsterrad! Da herauszukommen ist gar nicht so leicht. Vor allem mit dem Umschalten tun wir uns schwer: Von einem Moment auf den anderen in einen passenden Status zu kommen, ist eine echte Herausforderung. Morgens pünktlich wach werden, gut gelaunt in der Arbeit performen, den Kindern ein geduldiges Vorbild sein – das Leben steckt voller Herausforderungen. Glücklicherweise gibt es Yoga, Mentaltraining, Kaffee, die uns darin unterstützen, unseren Status zu verändern …

An Karneval hingegen genügen eine Perücke, ein paar andere Menschen, die richtige Musik (und ein Glas Kölsch) – und schon geht es ab! Fast auf Knopfdruck. Es ist wirklich erstaunlich, wie eine Horde „ganz normaler“ erwachsener Menschen sich verkleiden, zu einer Party fahren und zu den ersten Takten eines Karnevalsliedes in den Feiermodus umschalten kann! Nur zwei Akkorde von den Höhnern oder Brings – und der Kölner Karnevalist lacht und singt. Freilich wird dazu Bier getrunken. Aber das ist eher Begleiterscheinung als Auslöser. Es ist wie bei Kindern: Die brauchen auf Kindergeburtstagen auch nicht erst drei Bier, um in Stimmung zu kommen.

Das Faszinierende ist: Bereits von klein auf lernt man hier diesen Karnevalsreflex. Auch mein eineinhalbjähriger Sohn Juri hatte gestern seine erste Karnevalsparty – in der Kita. Ob er verkleidet war? Aber klar: als Hummer! Ich freue mich für ihn: Er wird auch in den kommenden Jahren viele schöne Karnevalsfeiern erleben.

Fazit: Wir können vom Karneval viel lernen

Was können Sie nun daraus mitnehmen? Vielleicht fragen Sie sich einfach folgendes:

1. Wann nehmen Sie sich zu wichtig? In welchen Situationen stünde Ihnen ein wenig mehr Gelassenheit und Freude am Rollenwechsel? Sicher warten dabei einige Aha-Erlebnisse.

2. Worin sollten Sie sich hin und wieder fügen, statt stur und kraftraubend dagegen anzukämpfen? Merke: Nur wer starr ist, bricht im Sturm – während Flexible sich locker dehnen können.

3. Welchen Status möchten Sie gerne auf Knopfdruck erlangen? Hellwach sein? Sich entspannen können? Anderen besser zuhören? Ich verspreche Ihnen: Untern Strich alles Übungssache. Los, fangen Sie noch heute an, sich entsprechend zu konditionieren!

Und welche Messages können wir für unser Berufsleben mitnehmen?

  • Einerseits tut es uns allen gut, sich von Zeit zu Zeit herauszuziehen. Was ist Ihr persönliches Karneval? Was das Ihrer Teammitglieder?
  • Andererseits sollten wir akzeptieren, dass jeder auf seine eigene Weise„Karneval“ feiert. Der eine verkleidet sich als Cowboyhase, der andere genießt die Ruhe im Büro, während die anderen beim Feiern sind. Beides ist okay.

Ich jedenfalls freue mich sehr auf die Party in unserer Lieblingskneipe, die wir nachher besuchen werden.

In diesem Sinne: Kölle alaaf!

Ihr

Stefan Frädrich

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